NOIES – Gîn Bali hört zu: Farce

Farce fotografiert von Apollonia T. Bitzan

Dieser Artikel ist in der Juli / August Ausgabe der Noies erschienen. In der Rubrik „Hör zu“ laden wir Protagonist*innen der freien Musikszene in NRW dazu ein, einen Musiktipp mit uns zu teilen.

Gîn Bali hört zu: Farce

Vor ein paar Monaten habe ich auf Instagram herumgescrollt und bin auf den Account farce1000 gestoßen. Schockverliebt, follow, follow back, Herz, Feuer und dann kam das neueste Album Not to Regress raus. What the…?

Farce (bürgerlich Veronika König) kauft mit 5 Jahren ihre erste Gitarre (Sperrholz/Ikea), gründet ein paar Jahre später eine Punkband, zieht nach Wien, tauscht Band gegen Computer, wird zu Farce ‒ ihr Name eine Referenz an die Absurdität des Auf-der-Bühne-Stehens, wenn man als hochgewachsene Königin über die Maßen schüchtern ist.

Schon die erste Veröffentlichung (2017) der alle Genregrenzen sprengenden Musikerin erregt Aufmerksamkeit, besonders im queeren Underground. Auch bei ihrem zweiten Studioalbum ist die DIY-Ethik aus Königs Punkzeit ist noch immer da, inzwischen hat sie sich autodidaktisch das Produzieren erschlossen.

Was Farce und mich besonders vereint: unsere Hassliebe zu Tutorials über das eigene Produzieren am Computer. Diese „What´s up guys? My name is Harold and today I am gonna show you how to…“-Videostarts sind meist eine Red Flag. Harold zeigt einfach nicht, denn eigentlich ist er doch ein Gatekeeper und hört sich nur selbst gern beim Reden zu 🙂

Aber dennoch entstand so ein neuer Handstreich in Erfindungsreichtum, getrieben von manischem Optimismus, zusätzlich versehen mit einer Prise Kathedralenglitzer und Melancholie, denn Farce lebt merklich nach wie vor in Wien.

Gîn Bali ist Musikerin, Musikpädagogin, Veranstalterin und DJ. Geboren und aufgewachsen in Bonn, ist sie über verschiedene Städte und Länder in Wuppertal gelandet. Dort betreibt sie neben vielen anderen Projekten seit März 2019 die Veranstaltung »YAYA« in der Mauke. → yaya-netzwerk.de

Die englische Version dieses Artikels findet ihr hier.

Review

NOIES – Gîn Bali listens to: Farce

Farce photographed by Apollonia T. Bitzan

This article was published in the July / August issue of Noies. In the column „Hör zu“ („Listen to“) we invite protagonists of the independent music scene in NRW to share a music tip with us.

Gîn Bali listens to: Farce

A few months ago I was scrolling around on Instagram and came across the account farce1000. Shock infatuated, follow, follow back, heart, fire and then the latest album Not to Regress came out. What the…?

Farce (civil name Veronika König) buys her first guitar (plywood/Ikea) at age 5, starts a punk band a few years later, moves to Vienna, trades band for computer, becomes Farce – her name a reference to the absurdity of being on stage when you’re a tall queen beyond shy.

Already the first release (2017) of the musician breaking all genre boundaries attracts attention, especially in the queer underground. On her second studio album, the DIY ethic from King’s punk days is still there, and she has since bec

ome self-taught in producing.

What unites Farce and I in particular: our love-hate relationship with tutorials on how to produce on your own computer. These „What’s up guys? My name is Harold and today I am gonna show you how to…“ video launches are usually a red flag. Harold just doesn’t show, because actually he’s a gatekeeper after all and only likes to listen to himself talk 🙂

But nevertheless, a new stroke of inventiveness was created, driven by manic optimism, additionally provided with a pinch of cathedral glitter and melancholy, because Farce noticeably still lives in Vienna.

Gîn Bali is a musician, music educator, promoter and DJ. Born and raised in Bonn, she landed in Wuppertal via various cities and countries. There, among many other projects, she runs the event „YAYA“ in the Mauke since March 2019. → yaya-network.com

Find the German version of this text here.

 

Review

NOIES – GEDANKEN ÜBER

Viola Yip | Foto: Gerhard Kühne

GEDANKEN ÜBER den Körper als Technologie
von Viola Yip

Als Künstlerin beschäftige ich mich damit eigene Instrumente zu bauen und entwickele Klangperformances an der Schnittstelle von Komposition, Performance, Improvisation und Klangkunst, wobei ich die Beziehungen zwischen Medien, Materialien und dem Raum durch performative musikalische Körper erforsche. Musikalische Körper spielen in meiner künstlerischen Arbeit seit jeher eine wichtige Rolle. Jenseits traditioneller Vorstellungen von Technik und deren Exekution fungieren sie als Arbeitshypothese für verschiedene künstlerische Konzepte:

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NOIES – THOUGHTS ON

Viola Yip | Photo: Gerhard Kühne

THOUGHTS ON body as technology
by Viola Yip

As an artist, I have been interested in creating new self-built instruments and developing sound performances at the intersection of composition, performance, improvisation and sound art, exploring various relationships between media, materiality and space through performative musical bodies.
Musical bodies always play a significant role in my artistic work. Beyond the traditional notion of techniques and executions, they serve as an intersectional working-in-progress for various artistic concepts:

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CERA 4_ Sonification of a spheric sculpture

Íngrid Pons i Miras zwischen Bühnenbild und Klangkunst
Nathalie Brum war beim Rundgang der Kunstakademie Düsseldorf | 16.–20.2.2022 R008

Wenn meine Freundin Elisa Metz sagt, in diesem Jahr gebe es beim Rundgang der Kunstakademie Düsseldorf besonders viele figurative Darstellungen, dann muss ich ihr Recht geben. Die Arbeiten, die wir uns in den Räumen der Ateliers anschauen, sind auf eine Weise melancholisch, die ich von Werken der zeitgenössischen Kunst in den letzten Jahren so nicht mehr gewohnt war. Portraits von menschlichen Gesichtern auf Leinwänden nicht größer als ein DIN-A4 Blatt haben es uns sehr angetan, weil sie eindringlich aber nicht aufdringlich wirken.
Doch eine weitere Tatsache fällt auf: die Räume der Ateliers werden als Teil der Ausstellung von Kunstwerken mitbedacht. Raum und Kunst verschmelzen in einigen Werken zu einer Einheit. Die Urheber:innen jener Werke, die sich in einem höchstens 30m² großen Raum in direkter Nachbarschaft zu sechs oder sieben weiteren Ausstellungsstücken in ihrer vollen Wirkung behaupten müssen, tun mir da fast ein bisschen leid. Kleine Fernseher mit Sound und Tonaufnahmen aus Lautsprechern machen es ihnen dabei nicht leichter. Vielleicht hat es mir deshalb eine klangkünstlerische Arbeit ganz besonders angetan, die einen ganzen Raum mit insgesamt 26 Lautsprechern bis ins letzte Detail ausgefüllt hat.

 

 

 

Die Klanginstallation von Íngrid Pons i Miras, Will-Jan Pielage, Sebastian Fecke Diaz, Joseph Baader und Paul John lässt die Besucher:innen in einen komplett anderen Kosmos tauchen. Während sich im Gang der Akademie die Menschenmenge durch die sonnengefluteten, weißen Flure schiebt und über allem ein leichter Hall von murmelnden, kommentierenden und sich austauschenden Grüppchen schwebt, ist die Black Box von CERA4 ein Gegenentwurf.
Durch einen schwarzen Vorhang betritt man den Eingang zur Installation und gelangt über eine Stahltreppe auf eine quadratische Plattform aus Gitterrosten. Ringsum Brüstungen aus Stahl – sowie aus unterschiedlichen Winkeln insgesamt 26 Lautsprecher. Unter der Plattform dezent sichtbar Stacks von Servern und Tontechnik; um die Plattform herum ein schwarzes scheinbares Nichts. Synthetische Töne unterschiedlicher Frequenz tröpfeln in den Raum hinein und verstärken angesichts des Trubels im Gang die Unwirklichkeit dieser Inszenierung. Es ist eine eher stille und ruhige Passage mit punktuellen Tönen, die ich in diesem Moment erleben darf. Sie kommen aus unterschiedlichen Richtungen, überlagern sich und trennen sich dann wieder. Mal im Stereo, mal Mono, dann langsam aber sicher ein dröhnender Bass. Nichts von dieser Soundkomposition scheint vorhersehbar zu sein. Gerne wäre ich noch länger auf der Plattform stehen geblieben, doch da kommen schon die nächsten Besucher*innen und das Verweilen von vielen Menschen auf engem Raum gebietet sich (immer noch) nicht.

Ein Blick hinein zeigt Seiten über Seiten von Codes, die wahrscheinlich die Programmierung dieser Sonifikation darstellen. Doch was genau wird hier sonifiziert? Das Buch beschreibt das Konzept als Sonifikation einer Netzstruktur in Kugelform, die an die geodätischen Kuppeln von Buckminster Fuller erinnert. Doch sind im Unterschied dazu die Dreiecke, aus denen sich die Kugel bei CERA4 bildet, unterschiedlich groß und haben verschieden große Winkel.

„Cera4 ist die Sonifikation einer sphärischen Skulptur, eine Arbeit, konzentriert auf das Zuhören in Zeiten der Hegemonie des Auges. Die Sonifikation basiert auf Cera2, einer unregelmäßigen sphärischen Triangulation aus Metallstreben von zwei Metern Durchmesser. Die Oberfläche wird aus 60 Knoten gebildet, die 112 Polygone formen. Die Knotenpunkte wurden von Mathematikern der Technischen Universität Dortmund vermessen und in ein dreidimensionales Koordinatensystem überführt.“ (Zitat aus der Buchdokumentation über CERA4)

Wenn man sich die binaurale Dokumentation des Projekts anhört, dann gibt es noch ganz andere klangliche Effekte der Komposition je nach Ansatz der Sonifikation. Mal sind es glockenhafte Töne, hell und klar, mal klingen sie gedämpft und blechern, dicht und chaotisch, mal erinnern die Klänge an eine verzerrte Gitarre. Für die Spatialisierung, d. h. die Verteilung der Klänge im Raum anhand der 26 Lautspecher, wurde das Ambisonics-Verfahren angewendet. Ein dreidimensionales Klangfeld konnte somit erfahrbar gemacht werden – wenn man die Arbeit vor Ort mit dem Klangsystem erlebt hat.

Nicht nur als Klangkünstlerin, sondern auch als Architektin bin ich weder Fan von White Cubes noch von Black Boxes, weil sie den real existierenden physischen Raum gerne negieren und damit eine Neutralität von Räumen suggerieren. Dennoch empfinde ich das konsequente Beschallungs- und Inszenierungskonzept in der Raumwirkung im Vergleich zu den restlichen Arbeiten der Akademie als erfrischend anders. Die Inszenierung dieser Abschlussarbeit der Künstlerin Íngrid Pons i Miras kommt nicht von ungefähr: 1975 in Barcelona geboren, schloss sie ein Studium als Querflötistin und Musikpädagogin am Conservatori Superior de Música del Liceu ab, bevor sie sich ab 2012 der Verbindung von Klang und Raum widmete und in der Bühnenbildklasse der Kunstakademie studierte. Einige Aufführungshäuser in NRW durften bereits von ihrer Expertise profitieren. Aktuell ist sie für das Bühnenbild im Schauspielhaus Bochum tätig. Hoffentlich wird der Klang auch in Zukunft die Nähe zur bildenden Kunst suchen – oder auch vice versa.

von Nathalie Brum

Alle Fotos von Marina.Kiga

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