Das Multiphonics Festival im Portrait

Multiphon
Das Multiphonics Festival im Portrait
von Maike Graf

Multiphonics, die Spaltklänge oder auch Mehrfachklänge, sind in vielerlei Hinsicht ein schönes Bild für das gleichnamige Klarinettenfestival. Obertöne über stehendem Klang, Akkordhaftes auf dem eigentlich ein-tönigen Blasinstrument, so das Wesen der Multiphonics-Spielweise aus der Zeitgenössischen Musik. Überträgt man das auf das Multiphonics Festival, stecken die Multiphonics in seinen mehr-fach, also vielseitig klingenden Klängen, wenn es sich nicht auf das klassische oder jazzige Genre und deren Standard-Spielweisen beschränkt. Da stecken Multiphonics in der Vielfalt der klanglichen Eigenheiten der Klarinettenspieler*innen, die sich als Obertöne über die stehende Basis der Klarinette als Festivalkern multiplizieren.

Obwohl das Klarinettenfestival nun schon seit 2013 unter diesem Namen sein Instrument in multi-pler Weise präsentiert, wird es in der diesjährigen Ausgabe seinem Namen nun wirklich gerecht, denn der Festivalschwerpunkt 2021 spaltet sich um die Neue, zeitgenössische Musik.

 „Das muss Spaß machen, sonst macht das alles kleinen Sinn.

„Ein Festival mit der Musik, die wir gerne hören würden“; das ist das Ideal für Jens Eggensperger und Annette Maye, die quasi zu zweit den jährlichen Klarinettenspielplatz aufbauen – dieses Jahr im Alten Pfandhaus und in der Kunststation St. Peter. „Ich möchte musikalische Freude daran haben“, bestärkt die Klarinettistin und „so was wie die künstlerische Leitung des Festivals“, wie Annette Maye sich selber betitelt, den Satz ihres Kollegen Jens Eggensperger.

Wenn man dieses Credo genauer betrachtet, kann man erkennen, dass es hier nicht darum geht ein neues Publikum mit seinen potenziellen wie abstrakten Wünschen zu ergattern oder sich als abgezockter, hochstrategischer Player in den Kampf um ebendieses Publikum aber auch um Spielorte und Fördergelder zu begeben. „Allein das Wort Kampf ist schon scheiße“, meint Jens Eggensperger. „Nur leider ist das in Köln, mit seiner fruchtbaren Umgebung für Kreativleistungen aber einer von ausgezeichneten Musiker*innen überquellenden Freien Szene, eigentlich notwendig. Mittlerweile sind wir nicht mehr die Kulturfighter, sondern entspannter. Wir setzen jetzt auf sehr hohe Qualität.“

Diese hohe Qualität findet sich, für Annette Maye, in den Klarinettist*innen, bei denen die Klarinette nicht die kleine Schwester des Saxofons ist. Als Annette Maye an der Musikhochschule für Musik und Tanz Köln Jazz-Klarinette studierte, war sie für ihren Lehrer Claudio Puntin die Erste mit diesem Hauptfach überhaupt. Üblicher war ein Jazz-Saxofon- oder Flöten-Studium mit aufgestockter Klarinettenspezialisierung. Beim Multiphonics Festival spielt die Klarinette definitiv nicht die Doubling Rolle, die ihr im Big Band Kontext oft übergestülpt wird. Sie stellt sich vorne an die Bühnenkante, oft durch Ensembles oder Duopartner*innen gestützt, und ruft nostalgisch in den Zuschauerraum: „In den 30er- und 40er-Jahren des Jazz war ich der Star!“

Heute ist es Annette Maye bei ihrem Festival ganz besonders wichtig, „dass sich die Musiker*innen wirklich umfangreich und ernsthaft mit der Klarinette auseinandergesetzt haben, um ihren individuellen Klang, abseits vom klassischen Standard mitzubringen“. Daher sollen die Musiker*innen des „Multiphonics“ Festivals zu „100 %, manchmal auch zu 90 % echte Klarinettist*innen sein, so wie Louis Sclavis, Gabriele Mirabassi oder Michel Portal. Aber die sind gar nicht so einfach zu finden.“ „Das ist so der Fluch und Segen von dieser sehr spezifischen inhaltlichen Ausrichtung“, fügt Jens Eggensperger hinzu: „Wir haben ein klares Konzept, aber es ist natürlich total schwierig, neue Leute zu finden.“

Multiphonics ist eine Bühne für die Klarinette, für das Familientreffen mit allen Großtanten, auch der Alt- und Kontrabassklarinette, aber nicht pur und rein solistisch, sondern „als eine Hauptzutat, in extrem variierenden Rezepten“, wenn Jens Eggensperger ein Festival kocht.

„In der Organisation sind wir eigentlich ein Zwei-Personen-Festival. Diesen Wahnsinn macht ja keiner mit.

Für die Klarinetten haben Jens Eggensperger und Annette Maye schon einiges aufgebracht. Im Regen standen sie vor der Frankfurter Oper, nach einem Klaus Doldinger Konzert, und verteilten Flyer, um die Multiphonics 2014 in Frankfurt zu bewerben. Im Eröffnungsjahr saß das Festival noch in Fulda, einer Stadt, in der, nach Jens Eggensperger, „die Band Silbermond in der Esperanto Halle als Hochkultur vom Kulturamt gefördert wurde.“ 2015 wurden die Klarinettenkoffer, dann ins „musikalisch übersättigte Köln“ transportiert, so Eggensperger. In diesem Jahr tourt es nach den Konzerten im Alten Pfandhaus und der Kunststation St. Peters noch nach Düsseldorf, Dortmund, Meschede, Wuppertal, Müllheim und sogar bis nach Freiburg.

Der Anstoß für ein Klarinettenfestival kam aus Annette Mayes ältester Band, dem „Ensemble FisFüz“, namentlich von Murat Coşkun, der mit seinem Rahmentrommel-Festival „Tamburi Mundi“ bei Freiburg die internationale Rahmen-Community zusammentrommeln konnte. Mit dem Wunsch „die Klarinettenszene in Deutschland, vielleicht auch europa- oder weltweit mal ein bisschen zu vernetzen, unabhängig von einem speziellen Genre“, springt Annette Maye als Musikerin zusammen mit Jens Eggensperger in den Sturm des Festivalmanagements. Darin wirbeln organisatorische Stresswellen, aber auch nächtliche Abspülaktionen nach einem Konzert im Alten Pfandhaus oder polizeilich vermisst gemeldete Künstler*innen die im Zug eingeschlafen und bis nach Holland gefahren waren; aber vor allem eine ganze Menge Hingabe ihrem Multiphonics Festival und dem Instrument, dem es sich verschreibt.

„Wir hatten eine CD vom Ensemble hand werk im Auto, ich weiß überhaupt nicht, wie die da gelandet ist!

Die Spielweise der Multiphonics ist schon lange auf dem Festival präsent. Daher weht die zeitgenössische Brise schon eine Weile durch seine Klarinetten. Dieses Jahr setzt das Multiphonics Festival einen Schwerpunkt mit dem „Trio Catch“, dem „Duo Stump-Linshalm“ und „Essence of North“ und verbindet die Konzerte in der Kunst-Station St. Peter mit audiovisuellen Live-Performances der Videokünstlerin Alba G. Corral. Die Entscheidung an drei Festivaltage Neue Musik zu spielen, war für Jens Eggensperger und Annette Maye der Moment „jetzt einfach mal den Mut zusammenzunehmen und den Schritt wirklich zu gehen; zu den echten Neue Musik Konzerten, für ein richtiges Neue Musik Publikum“, um zu zeigen: „Wir sind auch Neue Musik.“

Einerseits wollen sie sich damit selbst einen neuen Künstler*innenpool für die nächsten Festivaljahre eröffnen, andererseits das große Ideal „die stilistische und spieltechnische Bandbreite der Klarinette abzubilden“ noch mehr ausfüllen als ohnehin schon. Dazu kommt noch das Bedürfnis einen Raum für Neue Musik zu schaffen, „der weder der Stadtgarten noch das Alte Pfandhaus ist, denn da passt die Neue Musik gar nicht wirklich hin“, sagt Jens Eggensperger.

Mehr Klarinette für NRW mit dem Multiphonics Festival, damit die Frage vielleicht irgendwann irrelevant ist, warum es denn explizit ein Klarinettenfestival sein muss. Annette Maye und Jens Eggensperger und ihre herausragenden und gedankenvoll kuratierten Konzerte werden Ihnen an fünf Festivaltagen immer wieder eines entgegenrufen: „Warum denn nicht?“

 

Allgemein Gespräch Kommentar

Hackmeck | POLYMER 2021

Fraktale bilden durch das wiederholt angewendete Prinzip der Selbstähnlichkeit komplexe und einzigartige Strukturen. Die drei Komponisten und Musiker Benjamin Grau, Vincent Michalke und Philipp Lack haben ausgehend von den visuellen Formen ein Musikinstrument programmiert, das die mathematischen Prozesse auch in die musikalische Dimension überträgt. Im Rahmen der POLYMER – Reihe für Experimentalelektronik 2021 präsentieren sie ihr Projekt zum ersten Mal. Wir haben sie bei der Videoaufzeichnung zu einem Interview über Metadaten, Kontrolle und den kreativen Prozess zu dritt befragt.

Foto: Helene Heuser

Karl Ihr seid das erste Mal hier in Aktion als „Hackmeck“. Was verbindet Euch, wann habt ihr das Projekt begonnen?
Vincent Ja, das war letztes Jahr im Mai oder Juni als die Pandemie voll im Gange war. Da bin ich irgendwann auf die Idee gekommen, ein Laptop-Ensemble zu gründen. Etwas, das man dann möglicherweise auch nur über das Internet machen kann. Ich habe spontan an die beiden gedacht und einfach gefragt. Ich weiß gar nicht mehr wie ich angekommen bin…
Philipp Du hast es ziemlich klar beschrieben: ein Ensemble, das Metadaten herumschickt.
Benjamin [lacht] Klar für wen?
Philipp Ich habe sofort zugesagt, weil ich mir darunter direkt etwas vorstellen konnte.
Karl Was sind denn Metadaten. Du hast auch gesagt: ihr formt ein Metainstrument. Wie hängt das zusammen?
Vincent Das heißt grob gesagt, dass wir nicht die rohen Daten austauschen, also keinen Audio-Stream irgendwohin schicken. Sondern die Daten, die wir austauschen, sind auf einer gewissen Abstraktionsebene. Da geht es dann zum Beispiel um Skalen oder Formen, Strukturen und Klangfarben. Diese Daten schicken wir dann hin und her und die lösen dann bei jedem etwas Anderes aus.
Benjamin Aber wir spielen nicht jeder ein Instrument, sondern wir spielen alle an einem Instrument.
Karl Es geht also auch darum, ab einem gewissen Punkt die Kontrolle und den Zugriff auf bestimmte Parameter abzugeben?
Philipp Tatsächlich geht es bei Musik und insbesondere bei Komposition viel um Kontrolle. Aber das technische System, das wir erschaffen haben, hilft uns dabei das gewissermaßen zu organisieren. Wir werden teilweise selbst überrascht, was dabei herauskommt, und kuratieren dann eigentlich nur noch. Ich habe etwas weggegeben, der technische Apparat gibt etwas zurück und dann nicken wir in dem Augenblick nur noch ab, was aus dem Gesamtprozess heraus entstanden ist.
Vincent Ich empfinde diesen Prozess aber gar nicht so sehr als ein Gefühl von Kontrollverlust. Es ist eher ein positiv Überrascht-Werden. Man muss sich nicht um alle musikalischen Parameter kümmern, dabei kommt etwas Spannendes heraus, ohne dass man individuell so viel Arbeit hineinstecken muss.
Benjamin Ja, wobei… [Lachen] Die Programmierung alleine hat vier Monate gedauert. Dass wir in einer Programmiersprache arbeiten und eben nicht auf vorgefertigte Lösungen zurückgreifen, setzt ein unglaubliches Maß an Konzeption voraus: Was braucht man, was nicht? Was wollen wir machen und was nicht? Nur danach richtet sich, was mit diesen Tools dann auch möglich ist.
Philip Der Computer macht nur das, was man ihm sagt und hat darin alle Möglichkeiten. Das ist eigentlich das Problem: du musst dich am Anfang entscheiden, was Du willst, und dann mit dem Ergebnis leben, das zurück kommt.
Vincent Ich finde, es ist eine Balance dazwischen, einerseits genau vorzugeben, was klingen soll, und im anderen Extrem den Algorithmus einfach wild laufen zu lassen. Für mein Gefühl sind wir jetzt ganz gut dort angekommen, wo wir nicht alles per Hand komponiert haben – ganz und gar nicht – aber auch sehr viele Stellen so gezähmt haben, dass man sich das auch anhören mag, vielleicht.

Foto: Karl Ludwig

Karl Wenn der Computer diese Grenzen aufzeigt, gerät man ja in eine eigenartige Position, oder?
Benjamin Das macht total was mit einem, weil man eine sehr begrenzte musikalische Ausdrucksmöglichkeit hat. Fraktale klingen sehr häufig einfach wie Achtelketten oder Bachscher Kontrapunkt. Ich bin da gar kein Fan von, das ist ein ganz großer Konfliktpunkt.
Helene Das muss man dem Programm dann austrainieren?
Benjamin Genau. Sachen wie Phrasierung werden auf einmal wichtig. Wie kriegt man diesen Algorithmus dazu, dass er in irgendeiner Form phrasiert oder bestimmte Schwerpunkte setzt, die nicht so unfunky sind.
Helene Das hört sich teilweise an, also würden Computer Jazz spielen. Schon rhythmisch, aber algorithmisch rhythmisch. Es hat so einen „Swing“, aber der ist überhaupt nicht menschlich.
Benjamin Ja, das ist total witzig: Man programmiert da irgendetwas in seinem Kopf und hat verschiedene musikalische Strukturen erarbeitet. Dann kommen die Tonhöhen hinzu und alles verhält sich total anders. Im einen Teil nach Steve Reich und total gut, im anderen wie irgendein Vampir an der Orgel und super unangenehm.
Helene Als würde man ein Instrument bauen und gucken, was das kann.
Benjamin Ja, nur ist das eben keine Gitarre, sondern es ist eine Gitarre, die schreibt ihr eigenes Stück. Und dann sag ich „Nein, spiel das bitte anders.“
Helene Genau, man trainiert dieses Instrument…
Philipp Wenn du eben sagtest „die Grenzen des Computers“, würde ich das umdrehen: der Computer macht nur das, was man ihm sagt und hat alle Möglichkeiten. Und das ist eigentlich das Problem: du musst dich am Anfang entscheiden, was Du willst und dann mit dem leben, was zurückkommt.

Karl Welche Rolle nimmt das Visuelle dann in dieser Konstellation ein?
Vincent Konzeptionell eigentlich eine ziemlich große, weil wir uns wünschen, dass dieser Prozess, der die Musik generiert, nicht eine Blackbox ist, in der niemand merkt, wann sich Dinge ändern. Es soll möglichst deutlich gemacht werden, welche Strukturen und Prozesse sich abspielen, deshalb ist das Visuelle auch sehr plakativ.
Karl Sag doch nochmal, wie sieht dieses Material aus?
Helene Das sind Striche, die sich zu komplexen Strukturen verbinden. Du hast einen Block, dann kommt einer dazu und so baut sich das immer weiter auf.
Vincent Wir verwenden eben diese Fraktale. Die werden sehr häufig für Visualisierungen von Bäumen oder anderen natürlichen Sachen benutzt, weil die sich eben so verästeln. Bei der Visualisierung ist das ursprünglich so, dass es Regeln gibt, die sagen „jetzt geht der Strich nach vorne“ und dann kommt ein neuer Ast, der genau dasselbe Muster hat, nur kleiner. Das habe ich dann erstmal sehr direkt auf den Sound übertragen, indem es also erstmal eine Note gibt, die den Stamm darstellt, dann gibt es einen Ast und der ist eine Oktave höher, aber spielt dieselbe Melodie wie der Stamm. Und das geht immer so weiter.
Karl Ihr sprecht von „Komponieren“, aber es ist ja nicht das ganze Ding schon fertig, sondern ein live Prozess. Insofern ist ja die Grenze zur Improvisation recht fließend, wenn es auch um Interfaces und darum geht, wie ihr auf diesen Code, dieses Programm zugreift. Ist es so klar, dass ihr komponiert?
Benjamin
Also in diesem Falle ist es relativ determiniert durch die Fraktale. Aber das ist eine Frage, die sich ergibt. Wenn wir mit Controllern arbeiten, macht es mehr Sinn auch mehr Freiräume für uns zu schaffen. Die gibt es jetzt auch, aber dadurch, dass man eine bestimmte Form hat, die schon aus musikalischen Motiven besteht, macht es für mich Sinn, sich eine gewisse Dramaturgie zu überlegen: Da will ich mehr Obertöne haben, dann gehen die zurück, dann kommen sie wieder hinein, usw. Das ist dann auch irgendwie determiniert. Das schreibe ich mir auf und dann ist es Teil des Kompositionsprozesses. Das heißt, ich improvisiere gar nicht so stark, vielleicht minimal „Wie schnell bewege ich den Regler?“, aber das ist für mich keine Improvisation.
Philipp Tatsächlich ist uns auch schon der Gedanke gekommen, dass wir mit künstlicher Intelligenz arbeiten wollen. Das ist ein Visualisierungsprojekt. Ob das wirklich umzusetzen wäre, steht aber noch in den Sternen.

Foto: Karl Ludwig

Benjamin Ja, mehr Zusammenarbeit ist geplant. Aber Programmieren ist ein iterativer Prozess. Wir finden jetzt raus „Was hat funktioniert, was nicht?“, „Was für weitere Ansatzpunkte hätten wir gern?“, „Wie soll das umgesetzt werden?“, „Was war super umständlich, was war gut in der Bedienung?“. Dadurch entwickelt sich das eben.
Helene Ihr nennt Euch „Ensemble“, aber seid ja eigentlich nur zu dritt…
Vincent Wir sind uns nicht so ganz sicher, wie wir uns nennen sollen. „Ensemble“ oder „Trio“ rutscht manchmal so raus.
Benjamin Das sind ja auch so Neue Musik-Bezeichnungen. In Gesprächen mit den Videoleuten, auch für das Projekt, das im September aufgezeichnet werden wird, fiel immer der Begriff „Boyband“
Philipp [Lacht] Deswegen sind wir auch heute in Uniform gekommen…
Benjamin Ich weiß nicht. Wir machen zu dritt Musik, eben wirklich in der Gruppe, sodass es eigentlich eher ein Bandprozess ist, bei dem man zusammenkommt und gemeinsam an etwas arbeitet. Vor allen Dingen bei den Programmierarbeiten muss man einfach ein Konzept entwickeln, wie man das ganze umsetzen will, was die Rahmenbedingungen sind und was überhaupt die Zielsetzung ist. In diesem kreativen Prozess jeden Schritt gemeinsam zu gehen und sich auch um eine Konsensbildung zu bemühen, ist glaube ich total zentral. Deswegen eben „Ensemble“ und vielleicht auch ein bisschen „Boyband“.

 

 

Das Gespräch führten Karl Ludwig und Helene Heuser

Allgemein Gespräch

Power und Intimität zugleich

Das impakt Kollektiv für Improvisation und aktuelle Musik Köln

Wenn Philip Zoubek betont, in den letzten „fuchzehn“ Jahren hätten sich vermehrt Kollektive formiert, ist der österreichische Einschlag deutlich erkennbar – nicht ganz unauffällig in Köln, wo er vor acht Jahren an der Gründung des Kollektivs impakt beteiligt war. Doch ist solches Lokalkolorit nicht längst entwurzelt – erst recht mit ubiquitär gestreamten Konzerten und digitaler Vernetzung? „Wir leben in einem post-improvisatorischen Musik-Szenario, weil ganz viele von den Extremen bereits durchdekliniert wurden.“ antwortet Zoubek. „Es gab einen Pluralismus von eigenständigen Stilen, den man in verschiedenen Städten und Zentren angetroffen hat und wir sind eigentlich schon die nächste Generation, die damit spielerisch umgeht.“ Was also hält in der ungebunden freien Improvisation ein Kollektiv zusammen? Und wie profiliert sich ein Label, das mit „aktueller Musik“ laut eigener Beschreibung die „stilistische und klangliche Vielfalt der heutigen Zeit“ im Namen führt?

[Ich sortiere meine Werkzeuge/Materialien]*

Tatsächlich fischen die dreizehn Musiker*innen des Kollektivs „in sehr unterschiedlichen Gewässern“, meint Stefan Schönegg. Er selbst hat erst klassischen Kontrabass studiert, bevor er über den Jazz zur improvisierten Musik kam. Sein Projekt Enso etwa versammelt mit einer Viola da Gamba (Nathan Bontrager) oder einer Snare-Drum, die mit einer Vielzahl an Schlägeln und erweiterten Spieltechniken zum selbständigen Instrument wird (Etienne Nillesen), eigenwillige Klangkörper und verbindet sie auf Zyklus von 2019 und im erweiterten BIG Enso Album von 2020 zu filigranen, leisen, haptischen Texturen. Leonhard Huhn dagegen präsentiert auf Die Fichten veritable Jazz-Nummern wie „Blues for Dominik“ oder „Feudales Cabriolet“, die mit blue notes und synkopierten Licks freilich so augenzwinkernd wie die Titel klingen. Die schnellen, zellulären Mobiles der Pianistin Marlies Debacker sind an der neuen Musik geschult, Florian Zwißler bringt den Synthesizer ins Kollektiv ein und Salim Javaid erweitert den Klang des Saxofons mit Spieltechniken wie Multiphonics oder kehligem Growling. Sie alle haben ihre eigenen Formationen, in denen immer auch Musiker*innen mitwirken, die sich nicht zu impakt zählen. Die Schlagzeugerin Rie Watanabe etwa kommt aus der Neuen, komponierten Musik und mit der Alten Musik vertraut ist die Flötistin Miako Klein. So verbinden sich viele komplexe Moleküle zu einem polymerischen Gebilde, das schwer zu fassen ist.

Hexenschreie, Ungeheuerlachen

Ist also in dieser spielerischen Vielfalt, die aus den über 20 Releases im Katalog von impakt-Records spricht, der Kollektiv-Gedanke allein auf Organisatorisches begrenzt? „Ein Grund, warum sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren vermehrt Kollektive gegründet haben, war, dass man gemerkt hat: Einzelkämpfer*innentum zahlt sich nicht aus.“ Und Zoubek gesteht ein: „In gewisser Weise haben wir es aus Eigennutz gemacht.“ impakt ist dann ein loser Zusammenschluss von eigenständigen Musiker*innen, die sich für kulturpolitische Power zusammengetan haben. Denn vor allem ist das Kollektiv ein Phänomen der Kölner Szene und dient auch als Plattform zur Interessenvertretung und Darstellung für lokale Förderungen. Stefan Schönegg begründet denn auch den Austritt des Trompeters Brad Henkel und anderer aus dem Kollektiv mit dessen Wegzug nach Berlin: „Wir versuchen auch die Belange der improvisierten Musik zu vertreten und Leute, die jetzt nach Berlin ziehen, können aus der Ferne, was das angeht, nicht mehr so gut mitarbeiten.“

Suchen tue ich alte Klänge. Neue Klänge werden gefunden.

Gerade in Henkels Zusammenarbeit mit Jacob Wick „I saw a lightbulb flickering. I moved towards it and it was morning“ kristallisiert sich aber vielleicht am deutlichsten eine Klanglichkeit, die auch über kulturpolitische Zwecke hinaus die musikalische Vielfalt verbindet: Ohne eine einzige bestimmbare Tonhöhe erkunden die beiden Trompeter die Luftgeräusche ihres Instruments in flatternd bewegten Oberflächen, Schnalz- und Schließgeräuschen, deren Repetition die Grenze zum maschinellen weißen Rauschen verwischt. An dieser Grenze treten gepresste, höchste instabile Töne hinzu, unter denen die Oberfläche des Klangs brüchig wird. Durch äußerste Reduktion entstehen so intensive, intime Räume. Auch die neueste Veröffentlichung, Earis, vom Emiszatett der Cellistin Elisabeth Coudoux, bewegt sich an der Grenze zum Geräusch und verdichtet mikroskopische Details zu aufgewühlten Texturen. Klangliche Reduktion ist sicherlich ein impakt-Charakteristikum.

Die zufälligen Eigenschaften meines Instruments, dessen Oberflächen und materiellen Mängel.

Doch die langen sirenenartigen Heuler des Posaunisten Matthias Muche, Pegelia Golds irrisierende Stimme und die von Elisabeth Coudoux komponierte Struktur schaffen melodische und laute Gegenpole und geben auch diesem Album eine unvergleichbare Eigenständigkeit. Es ist diese nicht greifbare Kombination einer gemeinsamen Verschiedenheit, die die Mitglieder von impakt in einem schriftlichen Interview vor allem betonen: Im Kollektiv gäbe es „trotz aller Verschiedenheit ein Grundverständnis davon, was die anderen machen.“ Dem „Genau“, „Yes“ und „Absolut“ fügt auch Philip Zoubek hinzu: „Es gibt schon einen gemeinsamen Nenner, wenn man ein bisschen vom Material-Aspekt weggeht und die Haltung dahinter in Betracht zieht, wie man nämlich kommuniziert. Ich finde, da gibt es bei uns schon eine Gemeinsamkeit, unabhängig vom Material. Wie ist das interne Hör-Radar eingestellt? Das ist total schwierig zu definieren, aber es geht ein bisschen darum, wie eigentlich der Dialekt ist. Ich finde, da haben wir unser eigenes Ding.“

Der Raum, Energie und Tiefe eines Klangs

Ende Mai trifft impakt in einem gemeinsamen Konzert in Köln auf das Kollektiv gamut aus Zürich. Zwei Kollektive in der Stil-Freiheit der ungebundenen Improvisation – aktuelle Musik. Doch verpufft der gemeinsame Anfangsimpuls in Irritation, wartend ausgehaltenen Tönen und dem schüchternen Versuch eines Ornaments. Erschreckt verstecken sich die allzu klaren Töne der Akkordeonistin Tizia Zimmermann unter den körnigen Sounds der Bläser. Bei aller Aktualität und Offenheit tritt so gerade in Konfrontation mit einem anderen Kollektiv – mit seinem eigenen Label – hörbar zu Tage, wie schwierig improvisatorisches Verständnis und wie eigenständig der musikalische Dialekt des Kölner Kollektivs ist. Es ist eine unscharfe Treffsicherheit, die auch Philip Zoubek für die Musik von impakt anvisiert: „Wenn die Musik wirklich gut ist, kann sie eine ganz schöne Power und Intimität – beides zugleich eigentlich – erreichen.“

Aktuelle Musik ist Musik von Leuten, die nicht glauben, dass früher alles besser war.

Mit seinem Label kondensiert impakt das Kölsche Lokalkolorit und löst es im selben Atemzug in der Unvergleichbarkeit ihrer aktuellen Klänge wieder auf. Die Frage nach dem Kollektiv verschwindet so im Prozess, durch den es entsteht, und den die dreizehn Impaktler*innen gemeinsam verschieden umreißen: „Austausch und Support“ „Austausch auf allen Ebenen“ „Austausch und eine Möglichkeit mehr Leute zu erreichen mit dieser Musik“ „Schubkraft und das Gefühl mit ähnlichen Leuten an einem Strang zu ziehen“ „die einzige Möglichkeit sich beieinander zu halten und gegen diesen Egowahn anzukämpfen“ „Skepsis, Forschung, konstante Reflexion, Lust auf Neues, Spontanes und auf Improvisation“ „und die Liebe zur Improvisation, zum spontanen musikalischen Austausch“.

Karl Ludwig

* Die Einwürfe stammen aus einem schriftlichen Interview unter den Mitgliedern des Kollektivs. Das persönliche Interview mit Philip Zoubek und Stefan Schönegg fand am 10. Mai 2021 online statt. Herzlichen Dank ihnen beiden und dem impakt-Kollektiv.

Alle Fotos: imapkt e.V.

 

 

Artikel Gespräch

Mehdi Hosseini @ reMusik.org

“Let me draw your attention to the fact that many venues and platforms, new art spaces have been opened in recent years in Russia, especially in Moscow and St. Petersburg, where concerts of contemporary music take place, contributing to increased interest of the public.“

Mehdi Hosseini takes us into the contemporary music scene of St. Petersburg and Russia, which despite a growing interest of the public, often stands in the shadow of classical music.

Allgemein Artikel Gespräch

Jeff Henderson @ Audio Foundation

The Audio Foundation began in Zoe’s bedroom with a computer and a phone and grew from there. From online texts, chat rooms, noticeboards, gig guides to small events and concerts, to a venue, exhibitions, symposiums etc. The river brings and sustains life as it winds to the sea.

Jeff Henderson, director of the Audio Foundation, gives us insight into a tight-knit community of experimental music „on the way to antarctica“ – and beyond…

Allgemein Artikel Gespräch

Nataša Serec @ KUD Mreža

„On 9 September 1993 the city council replied with an unannounced, illegal and hurried attempt to demolish all Metelkova buildings with machines and wrecking balls. Ha! Exactly the opposite of what they promised! As a response to this quite unethical act, approximately 150 self-organised individuals occupied the Northern section of the Metelkova barracks.“

Amongst the group of people fighting to save what is now a famous and lively hub for creatives of all kinds in the centre of Ljubljana was also Nataša Serec. She would later found KUD Mreža, a network for experimental music at the Metelkova site. In our interview she tells us how the network came into being, about their concert series FriForma or the International Feminist and Queer Festival Red Dawns, and the changes over the years – and last months… 

Allgemein Artikel Gespräch

Rodrigo Sigal @ CMMAS Morelia

We put a lot of focus on artistic exchange all over the world and it is certainly one of the reasons why I started CMMAS 15 years ago. Composers, performers, musicologists, creative people come to work here for a few months or a few weeks, then they also teach, do performances and community work around the centre. These interactions help our own students a lot, too.

Rodrigo Sigal introduces us to the Centro Mexicano para la Música y las Artes Sonoras CMMAS, a network for contemporary music in Morelia, Mexico. With concerts, festivals, courses, residencies and much more it takes a large part in the vibrant musical scene of Morelia. In the interview he speaks about the different programmes, technological development and the lacking support by the Mexican government.

Allgemein Artikel Gespräch

The voice of Jiyun Park and Lorenz Rommelspacher 

Für das – nun noch etwas länger – bevorstehende micro currents Festival hat Helene Heuser Lorenz Rommelspacher und Jiyun Park zu einem Gespräch getroffen. Lorenz kommt vom klassischen Gesang und arbeitet nun in der elektronischen, multimedialen Performancekunst; Jiyun hat in ihrer Medien- und Klangkunst erst kürzlich die Stimme als Material entdeckt. Zusammen entwickelt sich ein Gespräch über System-cla(ssi)shing, Perspektiven der Stimme und die Bedeutung von Feedback.
Das Interview wurde auf Englisch geführt.

Allgemein Gespräch

Kinetische Minimalinterventionen

Die drei Klangkünstler und Bastler Ralf Schreiber, Christian Faubel und Andreas Oskar Hirsch haben sich für unsere POLYMER – Reihe zur „Gartenarbeit“ zusammengetan. Mit installativen Aufbauten aus Hölzern, kleinen solarbetriebenen Motoren und selbstgebauten Instrumenten entstehen „Minimalinterventionen“ im natürlichen Kontext des Kölner Gemeinschaftsgartens NeuLand. Im Interview sprechen Christian Faubel und Ralf Schreiber mit Karl Ludwig über Zurückhaltung, Low Tech und Recycling.

Allgemein Gespräch