Erinnerungen an Volker Müller

Am 16. Februar 2021 starb Volker Müller. Der langjährige technische Leiter und Toningenieur des Studios für elektronische Musik des WDR war eine feste Größe und Schlüsselfigur in der Geschichte des Studios und der Entwicklung der elektronischen Musik in Köln, wie Rainer Nonnenmann in seinem Nachruf beleuchtet. Das Wirken Volker Müllers war dabei aber nicht nur einer älteren Generation von Begriff und Bedeutung. Zahlreiche Studierende und junge Komponist*innen haben in den vergangenen Jahren von seiner Expertise und seinem Erfahrungsschatz profitiert. Das zeigt vor allem die große Resonanz an persönlichen Erinnerungen und Danksagungen, die wir an dieser Stelle versammeln dürfen und die die Leerstelle offenbaren, die Volker Müller hinterlässt. Mit ihm stirbt ein Stück Zeitgeschichte.

 

Foto: Daniel Mennicken

 

Retter des WDR-Studios für elektronische Musik
Zum Tod des langjährigen technischen Leiters Volker Müller

von Rainer Nonnenmann

Die Musikhistoriographie hat bloß ein Dutzend sattsam bekannter Komponisten als Heroen der elektronischen Musik verewigt. Meist unterschlagen werden dagegen neben einigen Komponistinnen auch die Techniker, die nach 1945 mit viel Erfindergeist und Experimentierfreude halfen, die damals verfügbare Aufnahme-, Mess- und Sendetechnik des Reproduktionsmediums Rundfunk zu einem neuen Produktionsinstrument umzufunktionieren. Das Studio für elektronische Musik des (N)WDR trat 1953 mit ersten rein elektronisch generierten Stücken in Radio und Konzert an die Öffentlichkeit. Viele Zeitgenossen reagierten entsetzt und verteufelten die Elaborate aus der Hexenküche als „seelenlose Technik“, „Atomspaltung“, „Tod der Musik“. Andere dagegen waren vom revolutionären Neuansatz fasziniert.

Binnen weniger Jahre entwickelte sich das Kölner Studio zu einem internationalen Magneten. Musikschaffende aus der halben Welt konnten hier neue Struktur- und Klangvorstellungen realisieren, und zwar mit Hilfe von Ingenieuren, die sich bestens mit den Funktionsweisen und Kombinationsmöglichkeiten von Sinus-, Impuls-, Sägezahn- und Rauschgeneratoren, Filtern, Bandmaschinen und Hallplatten auskannten. Nach der „heroischen“ Gründerphase unter den künstlerischen Leitern Herbert Eimert und Karlheinz Stockhausen wurde 1971 Volker Müller als 1. Programm-Ingenieur angestellt. Bis zur Schließung des WDR-Studios Ende 2000 war er dreißig Jahre lang an Produktionen namhafter Komponisten beteiligt, allen voran Stockhausen. Nach „Sirius“ von 1976 realisierte er auch die Elektronik von dessen Opern „Montag“, „Freitag“ und „Mittwoch“. Rechte Hand war er auch für York Höller, der die künstlerische Leitung des Studios 1990 übernahm und hier die Elektronik zu seinen großen Orchesterwerken „Schwarze Halbinseln“ und „Pensées“ produzierte. Ferner zu nennen sind Henri Pousseur, Luc Ferrari, Peter Eötvös, John McGuire, Jonathan Harvey, als einzige Komponistinnen Youngi Pagh-Paan und Unsuk Chin, sowie Ende der 1990er Jahre Marco Stroppa, Paulo Chagas und Kilian Schwoon. Welchen mitschöpferischen Anteil der Ingenieur bei der Entstehung all dieser Kompositionen hatte, ist kaum zu ermessen, auch wenn er sich selbst immer professionell und bescheiden als Techniker bezeichnete.

Nachdem das Studio bereits innerhalb des Funkhauses zweimal hatte umziehen müssen, wurde es 1986 in die Annostraße in der Kölner Südstadt verlegt. Schließlich mussten die vielen hunderte Geräte erneut abgebaut werden, als der WDR den Betrieb einstellte. Dem Einsatz von Volker Müller ist es zu verdanken, dass das über fünf Jahrzehnte gewachsene und weithin einzigartige Ensemble an Audiotechnik damals nicht verkauft oder verschrottet, sondern in einem Kellerraum in Köln-Ossendorf wieder funktionsfähig aufgebaut und wenigstens zur Digitalisierung analoger Tonbänder genutzt wurde. Noch nach seiner Pensionierung 2007 wartete Müller als freier Mitarbeiter den Geräteparcours. Bis zuletzt dokumentierte er Schaltpläne, um das Studio dereinst wieder aktiver Nutzung zuführen zu können. Noch jüngst war er bei einer Präsentation des Studios auf Google Arts & Culture beteiligt, die dort demnächst zu sehen sein wird. Wenige Wochen vor seinem 79. Geburtstag ist Volker Müller nun am 16. Februar gestorben.

Gerne und ausgiebig zeigte er das erstrangige Kulturgut internationalen Fachbesuchern aus Komposition, Musikwissenschaft, Noise, Techno, Electronica, Krautrock und ganzen Hochschulseminaren. Alle wurden freundlich mit Kaffee und süßen Teilchen empfangen und von Müllers Begeisterung angesteckt. Wie sehr der rüstige Rentner mit der analogen Tonbandtechnik verwachsen war, sah man an seiner Geschicklichkeit beim Einlegen, Schneiden, Kleben und Führen von Bändern über Maschinen, Teller, Tonköpfe, Schleifen. Gerne demonstrierte er, wie sich auf hundertstel Sekunden genau neue Klänge aus zufälligen Radioschnipseln generieren lassen, einfach durch Oktavieren, Loopen, Überlagern, Filtern, Verlangsamen, Beschleunigen, Rückwärtslauf etc. Im Internet ist er auf vielen Videos zu sehen, wie er lebhaft Auskunft gibt über Geräte, Synthesizer, Mischpulte, Sampler, Vocoder sowie digitale Prototypen der 1980er und 90er Jahre.

Pläne zu einer Revitalisierung des Studios scheitern jedoch seit zwanzig Jahren. Zuletzt gab es Optionen für das Haus Mödrath bei Kerpen und jüngst in Köln-Raderthal im denkmalgeschützten ehemaligen Sendegebäude der Westdeutschen Rundfunk AG von 1927, das der Stadt Köln gehört, deren Liegenschaftsamt jedoch das Nutzungsrecht für eine Beherbergung des Studios nicht ändern wollte. Ziel ist kein totes Museum, sondern ein lebendiger Betrieb mit Künstlerresidenzen, Produktionen, Aufführungen, Workshops, Forschungs- und Vermittlungsprojekten. Angesichts global standardisierter Software interessieren sich tatsächlich immer mehr Musikschaffende wieder für die alten Technologien. Aktuell erarbeiten Stadt Köln, WDR und Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW einen Träger-, Funktions- und Wirtschaftsplan zur aktiven Nutzung des Studios im Rahmen der baulichen Erweiterungen des Zentrums für Alte Musik auf dem Helios-Gelände in Köln-Ehrenfeld. Die irgendwann vielleicht doch noch kommende Renaissance des Studios wird Volker Müller nicht mehr erleben.

 

Foto: Daniel Mennicken

 

Erinnerungen von Weggefährt*innen


 

„Volker Müller hat bis zu seinem Tod das eingelagerte Studio für Elektronische Musik betreut, war mit allen Details vertraut, hat sein Wissen gerne geteilt.

Sein Wissen wird fehlen für den Erhalt des Studio für Elektronische Musik des WDR. – Es bleiben viele Geschichten in Erinnerung über die stundenlangen Besuche bei Volker Müller in den Räumen des eingelagerten Studio für Elektronische Musik, bei Wein, Snacks und Pizza… bleibt zu Wünschen, dass das Studio für Elektronische Musik des WDR bald wieder installiert und genutzt werden kann – von internationalen Gästen, StipendiatInnen, es ein lebendiger Arbeits- und Begegnungsort wird – neue Produktionen im wieder aufgebauten Studio auf Tonträgern dokumentiert und veröffentlicht werden – wie in einer Kölner Tonträgerreihe mit Produktionen von internationalen NutzerInnen – die das Erbe in die Welt hinaustragen.“

Georg Dietzler
Freier Kurator, Künstler, Vorstand der Initiative Freie Musik e.V.


 

„Erinnert man sich an das Studio für elektronische Musik des WDR Köln, fallen einem zuerst Namen wie Herbert Eimert oder Karlheinz Stockhausen ein; befasst man sich näher, können einem vielleicht Heinz Schütz oder Michael von Biel in den Sinn kommen.
Leider taucht Volker Müller dabei nicht auf. Dennoch wäre der Aufbau und Betrieb ohne ihn nicht möglich gewesen, da seine Tätigkeit weit über die Standardtätigkeit eines Toningenieurs hinausging. Nicht nur als profunder Kenner des technischen Equipments der elektronischen Musik, sondern auch bei der Entwicklung eigener Geräte, sowie als ideengebender Assistent der Komponisten leistete er einen unverzichtbaren Beistand.
Somit ist auch Volker Müller nicht aus der Geschichte dieses Studios wegzudenken.“

Joachim Zoepf
Musiker


 

„Das Studio für Elektronische Musik des WDR Köln bestand 50 Jahre, 30 Jahre davon geprägt durch Volker Müller (ab 1971). Nach Beendigung der aktiven Nutzung (2001) wurde Volker Müller vom WDR beauftragt, alle Produktionen, die in diesen 50 Jahren entstanden waren, zu digitalisieren. Zur Erfüllung dieser Aufgabe wurden die ”historischen” Geräte wie Tonbandmaschinen und Lautsprecher usw. von Volker Müller funktionsfähig gehalten, sodass eine ”schöne” Kontinuität des alten Betriebes gewahrt blieb: im ”Keller” lebte das Erbe weiter, auch nach der Pensionierung von Volker Müller 2007, und die eingeweihte Öffentlichkeit konnte daran teilnehmen, Volker Müllers Führungen waren beliebt, witzig, anekdotengefüllt, professionell, lehrreich. Das und der geheimnisvolle Äther alter Analogstudios ist nicht mehr, ist verstummt.

Volker Müller nannte man ”Ingenieur”; die bessere Bezeichnung wäre ”Tonmeister”, denn es ist jener, der für die Produktion in technischer und künstlerischer  Hinsicht verantwortlich ist. Volker Müller hat mindestens 51 Produktionen der Elektroakustischen Musik (EM) verantwortet – welch eine Leistung! Er war nicht nur für die ”Werkproduktionen” verantwortlich sondern organisierte den ganzen Studiobetrieb, Neuanschaffungen, das technologische Fortschreiten; damit verband er sich persönlich tief mit Maschinen, Räumen, Produktions- und Aufführungsprozessen, so tief, dass man sagen kann: er ”diente” den Prozessen. Das Attribut ”Dienen” (einer Sache dienen) ist kaum mehr anzutreffen, zumal es durch die Zeitverträge im öffentlichen Dienst weitgehend verhindert wird.

Ich begegnete Volker erstmals 1982 im Zusammenhang mit der Aufführung der  WDR-Produktion ”Die Legende von ER” von Iannis Xenakis in unserem Festival Inventionen, er war natürlich verantwortlich und Ansprechpartner. Und ich traf ihn, die graue Eminenz der EM, immer wieder auf den Tonmeistertagungen, und vor 10 Jahren bei der Präsentation des Films ”Ton Band Maschine” (Regie Michael Beil und Elmar Fasshauer), wo er natürlich das WDR-Studio vertrat. Man fühlt in den liebevollen Kommentaren seine tiefe Verwurzelung mit dem Analogzeitalter, vertreten durch Tonbänder, Tonbandmaschinen, Geräte der Messtechnik usw. Er bemerkt strahlend: ”Sie können schon mit einem Tonbandgerät alleine und einem Mini-Mischpult unglaublich tolle Klänge machen, ohne eine Quelle zu haben” – und er macht es vor, nach dem Motto: ”es gab Anforderungen, und man musste eine (fantasievolle) Lösung finden”, auch mit dem Hinweis auf unausweichliche ”singuläre Sprachinseln” in der Kommunikation zwischen Komponist und Tonmeister – einem Team, das es so nicht mehr gibt!“

Folkmar Hein
langjähriger Leiter des Elektronischen Studios der TU Berlin


 

„Danke, lieber Volker Müller! Für die ausführlichen Telefonate, weil ein kurzer Plausch war mit Ihnen kaum zu haben. Diese waren Ausdruck Ihrer Wertschätzung gegenüber Anderen und der Sache selbst. Sie wussten auf den Tag genau, wann man bei Ihnen im Studio war oder zuletzt mit Ihnen gesprochen hatte. Sie schauten in Ihre sorgfältig geführte Liste, die als Beleg Ihres verbindlichen Charakters unfehlbar war: Auf das Müller-Backup war Verlass, kein Name wurde vergessen, jedes Treffen erinnert. Vor einigen Monaten sprachen wir darüber, wie unterschiedlich in Europa mit solchen Studios und Laboren als „state property“ umgegangen wurde, wie man Kunstschaffenden, Studierenden und Interessierten den Zugang ermöglichen kann. Auch um den zeitgemäßen Umgang mit Klangarchiven ging es und Ihre persönliche Verwunderung darüber, wieso junge Leute noch verrückt danach waren. Sie inmitten der Maschinen in Ossendorf besuchen, fragen und filmen wollten. Vom letzteren, dem reinen Vorführen der Geräte waren Sie etwas müde geworden, wollten lieber Gespräche ohne Kamera führen und überhaupt: Gab es nicht schon genug gleiches Filmmaterial mit demselben Gesicht und denselben Händen, die aber nicht mehr so sicher zugreifen konnten? Solche Umstände wurden Ihnen langsam unangenehm, auf Dauer unterforderte es auch. Seit einer Weile waren überraschende Begegnungen und Diskurse jenseits des Kabelvorhangs selten geworden, der Kräuterteeschaden in der einen Bandmaschine gehörte wiederum zu den vielen Bonmots Ihrer reichhaltigen Erzählungen. Oft waren Ihre Führungen schon ausgebucht und Sie fragten erstaunt nach, wenn jemand aus Los Angeles oder Brüssel vorbeikommen wollte. Eine internationale Öffnung in dieser Hinsicht, das wäre ein guter Neuanfang gewesen. So verblieben wir auf ein nächstes Mal, gingen per Telefon wieder den Weg vom Hölzchen aufs Stöckchen zurück zu Werner Meyer-Eppler und zum Prozess des Erfindens, zu Familien von Schallaussendungen, spekulierten darüber wie wertvoll die künstlerische Freiheit des Quereinstiegs sein könnte und was es heute bedeutet, Neuland zu betreten. Dein erstes waren wohl die Experimente an der elektrischen Registertraktur in der Stiftskirche, in die du nachts mit dem viel zu großen Schlüssel reingeschlichen bist. Du siehst, ich duze dich jetzt, ungefragt. So schaffe ich eine Nähe, denn sehr gerne hätte ich dir noch einmal die Hand gereicht. Danke für die Inspiration, dass wir uns begegnet sind, auch im Namen vieler Studierender. Für den ausgiebigen Blick in die Partituren, den Glissandi in Perlenformation auf Mehrkanal, deinen ganz besonderen Wortschatz.“

Waltraud Blischke
Institut Für Musik Und Medien der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf


 

„Man könnte meinen, Volker Müller gehörte zu den Menschen, die viel über Ampere und Volt, Dezibel und Hertz wissen und wie dieses Wissen am besten den KomponistInnen zu vermitteln ist. Aber die Grenzen und Rätsel der Technologie des variablen Stroms waren für Volker Müller nur der Weg, der menschlichen Seele Ausdruck zu verleihen. Wir trauern um Volker Müller: der Mensch, der Ingenieur, der Musiker, der Schützer von Geheimnissen und Rätseln der elektronischen Musik.“

Luís Antunes Pena
Komponist


 

„im vorwort zum stockhausen band der musik-konzepte fragt heinz-klaus metzger, ob es nicht analog zur jüdischen legende von den 36 verborgenen gerechten auf deren wirken der (fort)bestand der welt beruht, vergleichbares in der musik gäbe. keine frage, volker war einer davon: mit wärme, leidenschaft, kauzigem humor und einem immensem wissen, das er unfassbar grosszügig teilte, hat er vielen komponisten ermöglicht, dass ihren ideen gerechtigkeit wiederfahren konnte, ohne ansehen von bekanntheit oder alter. wer wird jetzt seinen platz einnehmen (können)? mit wem kann man sich jetzt eine nacht im keller in ossendorf um die ohren hauen?“

hans w koch
Komponist, Klangkünstler, Professor für Sound an der Kunsthochschule für Medien Köln


 

„Ich habe Herrn Müller erstmals im Herbst 2009 kennengelernt im Rahmen eines  Musikwissenschaftsseminar an der Kölner Musikhochschule. Gemeinsam besichtigten wir die Räumlichkeiten des ehemaligen elektronischen Studios des WDR. Seine begeisterten Erklärungen zu Stockhausens „Kontakte“, speziell zu seiner Lieblingsstelle bei Minute 17, sind mir bis heute im Gedächtnis geblieben, ebenso seine en passant gegebenen Ausführungen zu Ferruccio Busonis Schriften zu einer neuen Ästhetik der Tonkunst, die ich schließlich sechs Jahre später mit Begeisterung las und auf die ich bis heute regelmäßig zurückkomme.

2010/11 entstand mit dem elektronischen Studio der HfMT ein Dokumentarfilm unter anderem über das WDRStudio, in dessen Nachgang Volker Müller einwilligte, mit einigen Kompositionsstudierenden elektronische Stücke auf den alten Geräten zu komponieren. Ich sagte begeistert zu, da ich als Grünschnabel mir die Chance nicht entgehen lassen wollte, mein erstes Elektronikstück in diesen heiligen Hallen und mit diesem technischen Bei- und Sachverstand zu realisieren und so einen Hauch Musikgeschichte auch in meine eigene musikalische Biographie einfließen zu lassen; und so entstand im April 2011, in mehreren gemeinsamen Arbeitssessions, mein Stück récital pour une femme seule, mit Tonbandgeräten, Ringmodulatoren, dem abstimmbaren Anzeigeverstärker und einem analogen Bandpassfilter. Diese Erfahrung, nicht nur menschlich bereichernd, beeinflusst bei näherer Betrachtung bis heute meinen Zugang zur Elektronik als Medium; zugleich nahm ich bei der Gelegenheit Volker Müller immer als jemanden wahr, dem man bis ins Alter seine Freude an der Tätigkeit ansah, oder besser gesagt noch: dem man ansah, dass er sein ganzes Leben lang etwas gemacht hatte, das ihm wirklich am Herzen gelegen und Spaß gemacht hatte. Dieses Bild bleibt für mich ein wichtiger Gradmesser in der Frage auch nach meinem eigenen Verhältnis zu meiner Arbeit.

Danach sah ich Herrn Müller in unregelmäßigen Abständen hauptsächlich bei und nach verschiedensten Konzerten; diese Treffen arteten meistens aus, nach einigen Reminiszenzen gemeinsamer Erinnerungen wurde anstandslos zu einem Drink übergegangen, was immer erst weit nach Mitternacht, manchmal erst im Morgengrauen endete. Einmal, nach einer gemeinsam derart durchzechten Nacht, es muss beim Acht Brücken-Festival 2013 gewesen sein, landeten wir auf seine Initiative hin auf dem Bahnsteig des Kölner Hauptbahnhofs und beobachteten um 6 Uhr morgens bei einem von ihm gesponserten Sandwich kontemplativ die einfahrenden Züge. Einmal, im Oktober 2015, kam er mit ins Sixpack auf der Aachener Straße.

Allen diesen Abenden war gemein, dass man als junge*r Komponist*in in seiner Gegenwart nicht seine eigenen Getränke zu zahlen brauchte, geradezu nicht durfte; einzige Bedingung: „Tun Sie mir nur den Gefallen, wenn Sie eines Tages in meinem Alter sind, spendieren Sie auch der jüngeren Generation ihr Kölsch.“ Es hier niederzuschreiben, verpflichtet mich nun offiziell, es ihm irgendwann gleichzutun.

Dass ich zugleich über ihn als Menschen ungemein wenig erfuhr, fällt erst im Rückblick auf; trotz aller Ausschweifungen wahrte Herr Müller immer eine respektvolle Distanz, indem er uns Jungspunde von Anfang bis Ende siezte und nichts frug oder preisgab, was er selbst wahrscheinlich nicht gern gefragt worden wäre und zu hören bekommen hätte. Dieser Respekt ging völlig folgerichtig in der Situation auf und führte in der Summe vermutlich dazu, dass trotzdem jenes schwer definierbare Gefühl von Vertrautheit entstand, das einen vergessen ließ, wie wenig man doch über ihn als Person wusste.

Zuletzt sprach ich mit Volker Müller vor etwa zwei Jahren, als ich ihn für eine technische Frage anrief: Ich wollte mein Stück sweep over me them dusty bristles überarbeiten und suchte nach einer Art und Weise, Tonbandgerät und Computer miteinander zu verbinden und irgendwie einander gegenseitig zu steuern. Er schüttelte einige spontane Ideen aus dem Ärmel, von denen wir uns schließlich auch für eine entschieden und die so die grundsätzliche Funktionsweise des gesamten elektronischen Setups definierte. Es funktionierte tadellos, und so wäre das Stück ohne dieses vergleichsweise kurze Telefonat in der Form nicht möglich gewesen.

Leider war er nicht erreichbar, als ich ihn zur Uraufführung des Stückes im vergangenen Oktober 2020 einladen wollte, was ich sehr bedauerte, da ich sicher war, dass er sehr neugierig gewesen wäre, wie wir seine Idee umgesetzt hatten, und mich überdies für seinen wertvollen Input hatte bedanken wollen.

So, wie ich Volker Müller kennengelernt habe, bin ich sicher, dass er auf seine sehr persönliche und begeisternde Weise viele Komponist*innen mehrerer Generationen geprägt und zur Entstehung ihrer Musik entscheidend beigetragen hat, und das nicht nur technisch, sondern mit seiner Begeisterung und Großzügigkeit auch menschlich und künstlerisch. Für mich war es gewiss der Fall. All dies wird Köln fehlen und so kann ich nur hoffen, dass sein Wissen und seine Erfahrung erhalten bleiben können und sein Wesen denen, die ihn kannten oder ihm nahestanden, in warmherziger Erinnerung. Seinen Angehörigen möchte ich mein herzlichstes Beileid aussprechen. Und so werde ich in 40 Jahren bei einer spontanen Kneipentour bestimmt an ihn denken, wenn ich dann vielleicht sage: ’50 Euro habe ich noch, wenn das nicht reicht…, muss ich zur Sparkasse.'“

Matthias Krüger
Komponist


 

„Es ist dieses Bild von Volker Müller in meinem Kopf, das mir am stärksten in Erinnerung bleibt: Ein gut gekleideter älterer Herr, der mit verschmitztem Lächeln und fast kindlicher Vorfreude uns, den Studenten der Musikhochschule, das Instrument Vocoder präsentiert: Wie ein Zauberer, der weiß, wie eine gute Inszenierung funktioniert, hält er einen Moment lang inne… und da kommt sie schon, die berühmte Vocoder-Nummer: Ein exzellent vorgetragener, durch den Vocoder verfremdeter Begrüßungstext, performt durch den technischen Leiter persönlich.
Herzlichkeit, Großzügigkeit, aufrichtige Neugier auf die Arbeit der Jüngeren, aber auch enormes auf Erfahrung begründetes Wissen, das auf eine angenehme, von jeder Spur des „autoritären“ befreite Art weitergegeben wird, sind nur wenige Seiten der Persönlichkeit Volker Müllers. Charaktereigenschaften eines Menschenschlages, der zu verschwinden scheint.“

Oxana Omelchuk
Komponistin


 

„Durch einen glücklichen Umstand konnte ich Volker Müller noch kurz vor der Beendigung des Studiobetriebs in der Annostraße im Jahr 2000 vor Ort (und damit natürlich auch den Ort selbst) kennenlernen. Seither habe ich ihn als den unermüdlichen Bewahrer der bis dahin im WDR-Studio für Elektronische Musik versammelten Ideen, Musiken und natürlich auch Geräte erlebt, als der er sich in den letzten 20 Jahren große Verdienste erwarb. Sein Verlust wiegt schwer. Er konnte Zeugnis geben über die entscheidenden Begegnungen von Musik und Technologie in einem historischen Moment, als es möglich war, mit diesen beiden in ihrer Verbindung konsequent kreativ umzugehen. Es ist ein Privileg, ihm begegnet sein zu können und von seinen Kenntnissen und Einsichten, aber nicht zuletzt auch von seiner Herzlichkeit und seiner wunderbaren Gastfreundschaft profitiert haben zu dürfen.

Es hat mich ein ums andere Mal erstaunt, wie es ihm gelang, seine eigene beseelte und dabei doch völlig unaufdringliche Begeisterung für die Elektronische Musik in der Begegnung auf andere Menschen zu übertragen – seien sie nun Experten oder Neulinge auf dem Gebiet. Ein Besuch bei ihm hat keinen Besucher und keine Besucherin, da bin ich mir vollkommen sicher, unberührt gelassen und ist mit Sicherheit tief in den Gedächtnissen verblieben.“

Danke, Volker Müller!

Florian Zwissler
Komponist, Musiker


 

„Zu Volker Müller hat sich bei mir das leicht romantisierende Bild eines weitgereisten Veteranen legendärer Unternehmungen entwickelt – jemand, der in Personalunion den Steuermann, den 1. Offizier, den Maschinisten und Funker wie ebenso den Kapitän oder bisweilen auch nur die Bordwache eines großen Schiffes verkörperte. Persönlich habe ich ihn erst kennengelernt, als dieses Schiff schon auf unbestimmte Zeit ins Trockendock verbannt war.

Aber wer je die Gelegenheit hatte ihn dort »an Bord« zu besuchen, weiß mit welchem Elan und Enthusiasmus er sein technisches Wissen weitergab und auch an überraschenden Anekdoten aus der Studioarbeit oder von Konzertreisen nicht sparte. Es kann ihm gar nicht genug gedankt werden, dass er es 1999/2000 geschafft hat, das Studio für Elektronische Musik des WDR vor der Auflösung in diesen Kellerlagerraum in Köln-Ossendorf zu retten! Und es fällt sehr schwer zu realisieren, dass er nun nicht mehr länger präsent sein wird – seine Stimme und Perspektive werden fehlen!“

Dirk Specht
Klangkünstler, Komponist, Kurator


 

Lieber Volker Müller,
jetzt werden wir wohl nie mehr erfahren ob der Sequenzer funktioniert.
Unsere gemeinsame Session wird mir aber immer in Erinnerung bleiben, gerade auch weil dafür die gepflegte Grundeinstellung am Synthesizer geopfert wurde.

Willi Sauter
Klangbaukoeln


 

Ich bin Volker Müller nur zwei Mal kurz begegnet. Der Gedanke an eine Begegnung – in aufgekratzt-euphorischer Stimmung in einem Bus-Shuttle nach einer Stockhausen-Aufführung – lässt mich verstehen, wie sehr Volker Müller die Verkörperung des Credos von der Kunst als Arbeit in seiner Person vereinbart hat. Das lockere Gespräch im Plauderton zum Elektronischen Studio des WDR schlägt um in soldatische Strenge, als es um die Details der Realisation eines bestimmten Werkes geht. Es geht Volker Müller nicht um Belehrung sondern um Genauigkeit, um Präzision und echtes Verständis einer besonderen Kunstform. In der Erinnerung an Volker Müller wird mir nun auch klar, dass sich damit vor allem seine Liebe zur Elektronischen Musik ausdrückte.

Till Kniola
aufabwegen


 

Wir danken allen Beitragenden für diese berührende Resonanz an Danksagungen und Erinnerungen, insbesondere Rainer Nonnenmann für das Bereitstellen seines Artikels sowie hans w. koch für seine Initiative und drücken allen Angehörigen und Freunden unsere Anteilnahme aus.

 

Foto: Daniel Mennicken

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