Ich möchte wieder Menschen begrüßen. Ich möchte ihnen entgegenkommen und schon in dem Moment, in dem man das erste Mal das Lächeln auf dem Gesicht des anderen erkennt, mit Freude die Arme ausbreiten. Das Aufeinandertreffen mit Vertrautheit beginnen. Mit offenen Armen stehen wir da, aber was hineinfällt, ist Corona. – Ja, Corona ist schlimm und teuer und dramatisch, aber wollen wir es nicht doch umarmen, jetzt wo es da ist? Man darf es nicht schön reden, aber wir brauchen die Lichtblicke. Zusammen mit Frauen der freien (Neuen) Musikszene habe ich nach Gründen gesucht, in Corona einen Freund zu sehen, der seine positiven Seiten nur allzu gut kaschieren kann. Gefunden haben wir Dinge, die wir in einen Rucksack gepackt durch und über Corona hinaus tragen wollen. Das Gedicht „Corona“ von Paul Celan liegt auf jeden Fall schon ganz unten im Gepäck, das kommt mit.

„Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße“

„Sie von der Straße“, das sind wir, wie wir vor unseren neuen Realitätsfenstern versuchen zu spüren, was wir nur sehen und schlecht hören können. Für den Konsum von Musik bedeutet diese Distanz: Streamings in meist unbefriedigender Soundqualität, Handy-Hochkant-Aufnahmen mit Antisog und die Bequemlichkeit des Pauseknopfs. „Ich habe mir noch keinen Konzert-Stream zu Ende angeschaut“, witzelt Komponistin Brigitta Muntendorf, aber ihr Unterton ist bitter, weil sie weiß, dass es vielen genauso geht. „Über die Zahlen von Streamings wird nicht gesprochen“, knirscht sie. Gerade für die Neue Musik ist das schwierig. Sie braucht die Aufmerksamkeitsstützräder der Streams, und gleichzeitig ist sie durchs Bildschirmfenster nur schwierig mit Konzentration und Genuss zu greifen. Das hier ist eine Umarmung an Festivals und Konzerte, die jetzt einfach digital stattfinden, aber in sich noch die ursprünglichen Konzertideale verinnerlicht haben. An manchen Tagen brauchen wir die Überflutung, die Streams von „Acht Brücken“, die „Lockdown Tapes“ der Musikfabrik Köln, Instagram Livekonzerte oder alles, was aus irgendeinem Konzert- oder Musiktheaterarchiv herausgekramt wurde. Denn, und das sei mit dem Nachdruck gesagt, den die Komponistin Helena Cánovas Parés in ihre Telefonstimme gelegt hat: „Wir können Corona nicht alles stoppen lassen!“

„Diese Streams sind wie ein Gruß“, sagt Veranstalterin und Musikmanagerin Christina von Richthofen, und in so viele Projekte hat man jetzt einfach mal reingezappt, wie in das Düsseldorfer Palastrauschen junger Künstler*innen des Instituts für Musik und Medien oder in die ersten 3 Minuten von fast jedem FemPop Instagram Live Stream, einer Plattform für female und nonbinäre Künstler*innen, weil er oft zufällig mit meinem handybegleiteten Abendessen zusammenfällt. Wir leben momentan alle im digitalen Raum, das heißt Reichweite und Netzwerkverstrickungen wachsen interdisziplinär, transpersönlich und global, proportional zur individuellen Einsamkeit. Und eigentlich ist das gut für die Künstler*innen.

Illustration: Rosa Viktoria Ahlers

Nichtsdestotrotz bleiben mit aller Berechtigung einige Fenster verschlossen, denn nicht alle Musik funktioniert digital. Eine Aufführung ist „ein Ritual und braucht eine Atmosphäre im Raum“ so sieht es Brigitta Muntendorf und ähnlich begründet Helena Cánovas Parés, mit dem „notwendigen Publikum“, ihre Abwesenheit in der Coronakunst. „Manchmal fühlt man als Künstler*in den Druck, dass etwas passiert, worauf man sofort reagieren muss. Dass ich etwas veröffentlichen muss, um mich in der Kunstwelt zu zeigen, damit ich auch dabei bin.“ Helena Cánovas Parés konzentriert sich stattdessen auf die Projekte, die ohnehin laufen und geschrieben werden müssen. So wie sie, sieht auch Brigitta Muntendorf die Problematik im blinden Aktionismus der Projekte, die „auf Teufel komm raus coronafähig“ gemacht werden, obwohl sie nie dafür gedacht waren und die jetzt kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Natürlich sei es die Aufgabe der Kulturschaffenden, sich sichtbar zu machen und zu zeigen, wie hinfällig die Debatte um Systemrelevanz ist. Aber eine „Umsonstkultur“ dürfe sich nicht etablieren, da bezieht die Komponistin klare Stellung. In den Momenten, in denen man sich Sicherheitsabstand auf Bühnen oder Plexiglasscheiben und Aerosoldampf im Orchestergräben vorstellt, wünschte man sich vielleicht sogar mehr Streamingkultur, die von der Realität ablenkt und sie nicht in all ihrer Schmerzlichkeit unter die Zuschauernasen reibt. Denn das Bildschirmfenster ist uns vertraut, damit können wir umgehen.

„Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt, daß der Unrast ein Herz schlägt.“

Wir, meine Gesprächspartnerinnen und ich, sind uns einig: Als uns Corona am 16. März 2020 aus den Hamsterrädern schubste, lagen wir alle für einen längeren oder kürzeren Moment bewegungslos im Käfigstreu auf dem Rücken. Aber die Zeit, dass der Unrast sich durchschlägt und aus der Versteinerung neue Kreativität wächst, kam schnell. Aus dem „Freiraum fürs Ausprobieren“, wie Brigitta Muntendorf ihn nennt, sprießen Pflanzen, wie Yuval Avitals „humansigns“. Sopranistin und Podcasterin Irene Kurka schwärmt von diesem globalen Projekt für Musiker*innen und Tänzer*innen, dass ihr die Hand für Kreativität in erster Coronaversteinerung gab. Denn nicht nur die Rezipient*innen brauchen das Neue und die Präsenz von Kultur, sondern auch die Performerinnen und Performer.

Fotos: privat

„Die Bereitschaft für neue Formate ist da, auch von großen Häusern, sie wagen in dieser Zeit das eine oder andere Experiment – es gibt ja nichts zu verlieren. Die Neue Musik setzt sich seit 100 Jahren mit anderen Aufführungsformaten auseinander und es ist ein wenig absurd, aber diese Formate definieren gerade den Spielraum. Wenn nichts mehr geht, bleibt das Experiment – für uns, für die Institutionen, aber vor allem für das Publikum.“ Diese Projekte setzen nicht auf die digitale Analogkopie eines Konzertes, sondern suchen nach dem Mehrwert im Digitalen, so auch Christina von Richthofens Duo-Konzertreihe „2 for you“ auf dem neuen Kölner Kulturkanal. Was kann man im Konzert nicht tun? Reden – hier kann man chatten, Gespräche führen, live etwas über die Künstler*innen erfahren. Hier könne man, zum Beispiel mit Irene Kurka, die Neue Musik beschnuppern und falls es einem doch zu viel wird, wieder unauffällig den Raum verlassen. „Das hier ist nicht nur Coronakunst, die mit der Wiederaufnahme der Live-Veranstaltungen verschwindet“, da ist sich Christina von Richthofen sicher, „und davon brauchen wir mehr! Digitale Mittel ermöglichen Projekte im Jetzt, die trotz allem stattfinden können, wie ein deutsch-asiatisches Austauschprojekt“ Muntendorfs. Oder Kompositionsexperimente von Jugendlichen, die von Helena Cánovas Parés aus dem Bildschirm lernen. Diese Projekte sorgen für digitale Toleranz im Morgen: So sieht Christina von Richthofen in der digitalen Konzertplattform einen völlig neuen Raum, der dauerhaft erschlossen werden kann, um Künstler*innen der freien (Neuen) Musik ein großes Publikum zu verschaffen. Denn in den Videosaal passen deutlich mehr Menschen, als in die kleinen Musikorte, die sonst bespielt werden. Die Freude auf das bekannte Musikfühlen der Produzierenden ist groß, das lerne ich von Irene Kurka, aber das neue Musikfühlen und Machen, das kommt nun noch oben drauf.

„Es ist Zeit, daß es Zeit wird. Es ist Zeit.“

Corona hat uns Zeiträume geschenkt. Der Preis ist unerträglich hoch. Aber es ist Zeit, es ist Zeit da. Mal mehr und mal weniger, aber in jedem Fall flexibler und mit Momenten, die wir jetzt aktiv gestalten können und sonst in der Bahn verbracht hätten. Während Helena Cánovas Parés mehr zeichnet und liest, Dinge, die sich unweigerlich in ihre Kunst flechten, meditiert Irene Kurka jetzt zweimal am Tag und Brigitta Muntendorf macht früher Feierabend. Sie alle sind sich sicher: das soll in den Reiserucksack, denn nach Corona brauchen wir das auch. Wir wollen Corona umarmen für das Reflexionsmoment, über „die Fragilität unseres Systems, dem wir einen großen Vertrauensvorschuss auf Kredit gegeben hatten“, so sieht es Anna Liza Arp aus dem FemPop Kollektiv. Komponistin Helena Cánovas Parés schluckt: „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass alles stoppt.“ Aber unser Kultursystem ist umschubsbar, da es schon lange schief steht. Die Kultur und vor allem die freie Szene ist nicht krisenresistent, bedauert Irene Kurka, die in Corona die Hoffnung setzt, dass Fördermaßnahmen und Strukturen eine risikofreiere Politur erhalten. Dazu lässt sich eigentlich nur noch mit Helena Cánovas Parés´ Worten seufzen: „Wie schlimm ist das, dass es dafür solch eine Krise braucht“, umso wichtiger das wir auch alles, was wir jetzt lernen, mit auf die Reise nehmen. Ich packe meinen Koffer und nehme mit: eine kleine Hassliebe zu Streamingformaten, neue online Konzerträume, digitale Möglichkeiten, Zeit für Zeit, Sensibilität für unser fragiles Kulturystem. Und oben auf den Rucksack wird nun das Wichtigste geschnürt: die Gewissheit, dass es nicht nur um ein Zurück in die Normalität, sondern auch um ein Besser geht.

Maike Graf

 

Über die Autorin: Maike Graf ist nach einem Philosophie- und Musikwissenschaftsstudium seit kurzem freie Autorin im Bereich Musik und Kunst. Ihre Gedanken und Emotionen, vor allem zu Oper und Musiktheater, teilt sie momentan im Fachmagazin Orpheus.