Ich gebe zu, dass ich eine seltsame Faszination für Verschwörungstheorien habe. Weniger für die Theorien, als für die Menschen, die diesen Theorien ihr Leben unterwerfen bis zu dem Punkt, an dem sie gar nicht mehr glücklich sein können.

In den sozialen Medien kursiert momentan das Video eines Reichsbürgers, der sich selbst dabei gefilmt hat, wie er [erfolglos] versucht, ohne Atemmaske Brot in einer Bäckerei zu kaufen. In einer endlosen Tirade beschimpft er sowohl die Verkäuferinnen als auch die anderen Kunden, die erstaunlich höflich und ruhig bleiben angesichts seiner ungeheuerlichen Vorwürfe und Beleidigungen. Schnell wird in seinem Monolog klar, dass es sich bei dem Filmenden um einen tief verletzten, vermutlich auch psychisch gestörten Menschen handelt. Je wilder seine Thesen und Ausführungen werden, desto deutlicher wird, dass sie ein einziger Hilfeschrei, ein Ringen um Aufmerksamkeit sind. Um ihn herum herrscht banalste Geschäftigkeit; die Mitmenschen in der Bäckerei sind in der Lage, die durch Coronazeiten veränderten sozialen Codes zu akzeptieren und zu bewältigen, ohne dabei irgendeinen inneren Schaden zu erleiden, sie werden bedient, und das Leben geht für sie weiter. Aber der monologisierende und fanatische Reichsbürger schließt sich selbst aus der Gesellschaft aus, weil die harten und unlogischen Prinzipien des von ihm propagierten “Naturrechts” – was ist das überhaupt, ein “Naturrecht”? – eine Teilnahme an dieser Gesellschaft für ihn unmöglich machen. Aber es sind keine wirklichen äußeren Zwänge, allein seine eigenes Denkgefängnis isoliert ihn – das ist das Tragische an dem Video, in dem er sich selbst als Widerstandshelden stilisiert und dabei nur lächerlich wirkt.

Im Moment macht mir daher mein Hobby keinerlei Spaß. Denn noch nie waren Verschwörungstheorien so zum Kotzen, so erbärmlich und jämmerlich, wie zu Corona-Zeiten. Wie die meisten meiner Mitmenschen, bin ich zunehmend fassungslos, wie sich vormals geschätzte Kolleg*innen und Bekannte wie in einem Körperfresserfilm scheinbar über Nacht in ideologisch bornierte Virusleugner verwandeln, die sich durch kein einziges sachliches Argument mehr davon abbringen lassen, an wildeste hanebüchene Theorien zu glauben, über die sie selbst einige Monate früher vielleicht noch gelacht hätten. Wir erleben eine kleinbürgerliche Paranoia, wie wir sie bisher in der Geschichte der BRD noch nicht kannten. Um was für Theorien es hier im Detail geht, ist dabei vollkommen unerheblich, es gelingt ihnen aber, einen Teil der Bevölkerung in Covidioten zu verwandeln, darunter auch viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

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Man muss hier aber unterscheiden zwischen den Mitläufern, also denen, die sich einfach aus Verunsicherung und Angst einem solchen falschen Weltbild annähern, weil es die für sie als beunruhigend und überfordernd empfundene Wirklichkeit in einfache Gut/Böse-Strukturen einteilt, und denjenigen, die diese Verschwörungstheorien aktiv befeuern, indem sie sie steuern und vereinnahmen. Es ist viel leichter, von einer angeblichen globalen Weltelite oder einer “Impfverschwörung” samt Grundgesetzabschaffung zu faseln, als sich auf einen zermürbenden demokratischen Diskurs mit Argument und Gegenargument einzulassen. Wir müssen also hinter die Fassade der Theorien an sich schauen, deren inhaltliche Elemente vollkommen austauschbar und lächerlich sind, und nach der Motivation der Verschwörungstheoretiker fragen.

Es gibt eine Netflix-Dokumentation über “Flatearthers” [Behind the Curve], in der die Protagonisten dieser Szene einem fast sympathisch werden in ihrem naiven und fast rührenden Ringen um Anerkennung durch ihre eigene Community. Diesen Menschen ist mit Argumenten oder Erklärungen nicht beizukommen, denn es ist tatsächlich problemlos möglich, anhand simpelster Experimente die Krümmung der Erdoberfläche zu beweisen. Die „Flatearther“ deswegen in ihrer ablehnenden Ignoranz dumm zu nennen, macht es sich aber zu einfach. Denn im Grunde geht es ihnen gar nicht darum, die Scheibenform der Erde als allgemeine Erkenntnis zu etablieren oder irgendetwas Positives damit zu bewirken, vielmehr gieren sie nach der anhaltenden Aufmerksamkeit, die ihnen ihre Thesen beschert. Je abstruser und schockierender diese Thesen sind, desto besser, denn dann ist gewährleistet, dass sie beachtet werden. Wie in dem oben genannten Beispiel mit dem Reichsbürger, ist es eher eine Art verletzter Narzissmus, der die Hauptmotivation darstellt, nicht etwa ein echtes Ringen um irgendeine Wahrheit. Auch ist die erlangte Aufmerksamkeit viel wichtiger als der Inhalt: Ich kenne einen angesehenen Musikjournalisten, dessen größte Freude es ist, öffentlich Donald Trump zu loben, und dies tut er einfach nur, weil er den entsetzten Aufschrei seiner Facebookfreunde genießt. Fänden wir alle Trump super, würde er natürlich genau das Gegenteil tun.

Das erklärt auch die Motivation eines Wolfgang Wodarg – gerade, weil seine widerliche Behauptung es gäbe gar keine Pandemie so ungeheuerlich bizarr und nachweislich falsch ist, beschert sie ihm ein Maximum an Aufmerksamkeit. Er wird an seine eigenen Lügen sogar glauben, weil sein Gehirn Endorphine ausschüttet, wenn er sie hartnäckig wiederholt: In der Rolle des “Rebellen” gaukelt ihm sein Belohnungssystem vor, dass gerade der Widerstand gegen seine Thesen bedeutet, dass sie wahrscheinlich stimmen müssen. Denn waren nicht auch große Wissenschaftler wie Galileo angefeindet, weil niemand ihnen glaubte? Hinter der Verschwörungstheorie steckt also in Wirklichkeit Hybris, der Glaube, man sei in irgendeiner Form auserwählt oder anderen Menschen überlegen.

In der Musikgeschichte müssen wir nicht weit schauen, um ähnliche Sehnsüchte aus narzisstischer Verletzung heraus zu finden. Den Verschwörungstheorien zur eigenen Überhöhung war auch ein Richard Wagner nicht fern, und verletzte Eitelkeit ob des größeren Erfolges von Konkurrenten wie Meyerbeer sowie gezielt eingesetzte Provokation waren von ihm konkret und erfolgreich eingesetzte Mittel, um zu Ruhm und Ehren zu kommen. Dass dabei auch ein bemerkenswertes Werk entstand, sollte uns nicht blind werden lassen gegenüber der dahinterstehenden Motivation, und die ist weit weniger berauschend und sexy wie die Rheingold-Ouvertüre.

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Unter diesem Gesichtspunkt kann man auch die seltsam peinliche Parade mancher Weltversteher aus der Kunstwelt sehen, die uns plötzlich in endlosen beleidigten Monologen erklären, warum Rauchen ja viel gefährlicher als Corona oder das Leben an sich ja schon “tödlich” sei oder dass es unerträglich ist, zum Händewaschen angehalten zu werden, und das angeblich direkt von der Bundeskanzlerin [was ja auch eine Selbstüberhöhung ist]. Fremdschämend fragt man sich, warum es in der Popkultur allenfalls abgehalfterte C-Promis sind, die sich momentan mit dummem Gesülze zum Affen machen, während sich in der Hochkultur weder Castorfs noch Laufenbergs zu schade sind, genau dasselbe zu tun. Wenn einem ein Sloterdijk erklärt, dass es sich bei Covid-19 nur um eine “harmlose Grippe” handelt, weiß man irgendwie, dass die angeblichen Denker in diesem Land einen neuen Tiefpunkt erreicht haben.

Ich verstehe aber auch, warum eigentlich intelligente Menschen in eine solche Falle tappen: auch hier ist es der narzisstische Schmollmund, der stärker wirkt, als die Vernunft. Beispiel Castorf: als Theatermensch auf dem Höhepunkt seines Schaffens immer auch genialer Provokateur, muss nun die tiefe Beleidigung erfahren, dass diese Provokation nur in gesicherten Zeiten wirkt. Denn Kunst bezieht immer die meiste Kraft daraus, eine Gegenwelt zur Wirklichkeit darzustellen. Ist unsere Gesellschaft satt, selbstgefällig und spießbürgerlich, brauchen wir dringend die Provokateure und Bilderstürmer, die uns die Bequemlichkeit austreiben und wachsam halten. Haben wir aber tatsächlich, wie im Moment, ernste Probleme, so verpufft die Sprengkraft dieses künstlerischen Ansatzes. Die [zu] leicht sich anbietende Option ist dann die des Querdenkers, der Krasses sagt und damit auffällt. Nur ist das allein noch kein interessanter Inhalt.

Welche Position kann Kunst aber im Moment einnehmen, wenn sie weder Verschwörungsverführerin noch Hofnärrin sein will? Das ist tatsächlich eine sehr schwere Frage, weil einerseits die Kunst in diesen Zeiten in ihren grundsätzlichen Ausdrucksmitteln stark beschränkt ist, und andererseits auch die Veränderung unserer Lebenswirklichkeit – und damit deren Verständnis – noch im Fluss ist.

Sicherlich ist die genauere Betrachtung unseres Innenlebens eine Option für die Kunst, wenn wir getreue Chronisten der Gefühle dieser Zeit sein wollen. Wir brauchen keine Corona-Opern voller bürgerlicher Betroffenheit und Realismus, aber wir brauchen Opern, in denen es um die durch Corona veränderten Gefühle geht, zum Beispiel die Sehnsucht nach Nähe, die Vereinsamung, das Leiden durch die Distanzierung. Emotionalität ist das große weite Brachland der Neuen Musik, nachdem es uns jahrzehntelang eher um Konzepte und ästhetische Haltungen ging. Letzteres ist Feuilletonschnee von gestern, man sehnt sich wieder nach Authentizität des Ausdrucks, nach Berührung durch Musik, nach Hingabe und Leidenschaften. Nach Corona umso mehr, da bin ich ganz sicher.

Der amerikanische Schauspieler und Regisseur John Krasinski hat in Coronazeiten eine Webserie gestartet, in der es nicht um Corona sondern ausschließlich um Some Good News geht. Sein letzter Film A Quiet Place handelt von einer apokalyptischen Welt, in der man nur überleben kann, wenn man ganz still ist, was man im lauten Trump-Amerika durchaus als eine Art politischer Gegenallegorie begreifen kann.

In Some Good News setzt Krasinski der lauten und von vielen als endzeitlich empfundenen Corona-Welt das genaue Gegenteil entgegen. Mit Anzug und Krawatte auftretend und ohne jegliche Selbstinszenierung sammelt Krasinski nichts weiter als schöne kleine Geschichten, in denen Amerikaner auf irgendeine Weise kleine Siege gegen die Corona-Depression erringen. Er spricht mit Freund*innen und Kolleg*innen, erzählt Anekdoten und berichtet ausschließlich Nettes und Aufheiterndes. In einer der erfolgreichsten Episoden ermöglicht er zum Beispiel, dass ein kleines Mädchen das aufgrund von Corona ihr Lieblingsmusical nicht besuchen konnte, ebendieses von den Originaldarstellern live per Zoom vorgesungen bekommt, wovon sie vollkommen überwältigt wird, da es vorher nicht angekündigt wird, und die Darsteller nach und nach zu ihrer großen Überraschung zugeschaltet werden. Das ist kitschig und rührt zu Tränen, ist aber tatsächlich momentan tausendmal radikalere Kunst als alles, was die Castorfs und Laufenbergs hierzulande von sich geben, ist gesellschaftlich relevanter als alle Hygiene-Demos, widerständiger und effektiver als alle eitlen Aufstandsaufrufe der deutschen Dramaturgenschande Anselm Lenz. In einer Zeit, in der zum Überleben Vernunft geboten ist, ist die sich der Vernunft verweigernde Pose dumm und belanglos in ihrer Aufmüpfigkeit. Aber es gibt Alternativen.

Denn auch das Trostspenden ist etwas, das Kunst können muss. Die Idee der Consolation ist in der Kunstmusik uralt, das Konzept der gehaltvollen Zerstreuung hat uns Meisterwerke von unglaublicher Schönheit beschert. Ich will Krasinski nicht zum großen Künstler stilisieren, denn letztlich will er nur ein kleines positives Zeichen setzen, aber er hat intuitiv etwas erkannt, dass viele Intellektuelle hier nicht verstehen, nämlich dass es nicht ausreicht, wenn man das im Hölderlinschen Sinn Rettende einzig als These formuliert, sondern dass man es auch in Klänge, Bilder, Worte und Taten formen muss, damit es tatsächlich visionär entstehen kann. Dass man dabei keineswegs läppisch, sondern selbst in Kriegszeiten ironisch, sarkastisch und dennoch liebevoll sein kann, beweist die 1917 entstandene Geschichte des Soldaten, der man keineswegs einen Kitschvorwurf machen kann, die aber dennoch tiefsinnig und vielschichtig unterhält. Auch das berühmte Quartett zum Ende der Zeit von Messiaen ist keineswegs ein düster dräuendes oder selbstmitleidiges Werk, sondern eine der eindringlichsten Behauptungen von Gnade und Schönheit der Musikgeschichte, eindeutig als Gegenwelt zur düsteren Wirklichkeit zur Zeit seiner Entstehung konzipiert und diese Gegenwelt auch intensiv und anrührend ausformulierend. Vielleicht brauchen wir gerade jetzt wieder solche Werke, denn einem platten Klingelton oder einer seichten Schnulze wird es jetzt nicht gelingen, diesen Hunger gehaltvoll zu stillen. Es gibt hier eine Leerstelle, die die Kunst wieder füllen muss.

Wenn in der Gefahr das Rettende wachsen soll, sollte nämlich auch die Kunst über ihren eigenen Jahrmarkt der Eitelkeiten hinauswachsen, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Moritz Eggert

 

Über den Autor: Moritz Eggert gilt als einer der vielseitigsten und abenteuerlustigsten Stimmen der zeitgenössischen Musik. Von Anfang an arbeitete er in allen musikalischen Genres: Sein Werkverzeichnis von inzwischen mehr als 275 Stücken enthält Opern, Ballette Orchestermusik, Kammer- und Ensemblemusik. Er gilt als Verfechter eines notwendigen Wandels in der Neuen Musik und gilt als Kritiker von Elfenbeinturmattitüde und Weltferne.